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Die Saarbrücker Bahnhofstrasse

Die Saarbücker Bahnhofstrasse ist Deutschlands meistbesuchte Einkaufsstrasse und seit über 150 Jahren die zentrale Lebensader der saarländischen Landeshauptstadt, früher wie heute durchmischt mit einer vielfältigen Gastronomie. In vergangenen Zeiten dominierten die traditionellen Familien- und Handwerksbetriebe ergänzt durch Dienstleitungsbetriebe aller Art. In den Zwischenkriegsjahren fand eine grossstädtische Entwicklung statt, welche im Bombenangriff in der Nacht vom 29./30. Juli 1942 fast völlig zerstört worden war. Aber heute erstrahlt die Flanier- und Einkaufsmeile wieder in bestem Erscheinungsbild.

 

Ende der 1920er und in den 1930er Jahren wurde Otto Zollinger für seine avantgardistische Architektur mehrfach für die Bahnhofstrasse engagiert. Seine Veränderungen an den Gebäuden in der Formensprache des Neuen Bauens gaben der Bahnhofstrasse in ihrer Leichtigkeit ein weltoffenes und modernes Flair. (Beschreibung aus Schaufenster des Lebens, 150 Jahre Bahnhofstrasse Saarbrücken, Edition Schaumberg, 2014)

Leider ist von Zollingers Schaffen an der Bahnhofstrasse nach dem Krieg nichts mehr übriggeblieben.

Saarbrücker Zeitung 3. März 1930

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Am 3. März 1930 erschien in der Saarbrücker-Zeitung ein Artikel, welcher die Entwicklung der Saarbrücker Bahnhofstrasse in jener Zeit schildert, wo auch Otto Zollinger daran beteiligt war:

 

«Man baut um» ist die Devise, die allerecken mit einem entsprechenden und bundbemalten Gerüst sich dem Fussgänger in den Weg stellt. Man bau um – man wird modern – man erweitert und dehnt sich aus.

Die Entwicklungskurve der Bahnhofstrasse im besonderen ist dermassen ansteigend, dass man unbedenklich von einem Tempo reden kann, das Beachtung und Bewunderung verdient. Wenn man bedenkt, dass die Wirtschaftslage derzeit keineswegs eine rosige genannt werden kann, so ist eine derartige Vorwärtsentwicklung doppelt bemerkenswert.

Diese Umbauten hätten es selbstverständlich allein nicht vermocht, das Gesicht dieser Strasse so wesentlich zu verändern, wie es tatsächlich in kurzer Zeit verändert worden ist. Hinzu kommt, dass nahezu alle Geschäftshäuser irgend etwas an der Front günstig geändert haben, um zusammen das Bild zu schaffen, das eine Geschlossenheit zeigt, die repräsentabel wirkt. Wenn man am Abend von irgendeinem Punkt das Bild dieser Strasse auf sich wirken lässt, so ist der Eindruck unbedingt grossstädtisch. Eine Lichtfülle ergiesst sich von den Fassaden in alle Winkel und Ecken. Und an den Tagen der Sonderverkäufe (und wann gibt es solche nicht?) wird das Licht zu einer flammenden Verschwendung, welches Wort jenen herben Geschmack verliert durch die Tatsache, dass das künstlerische Niveau dieser Lichtreklamen, bis auf wenige Ausnahmen, durchweg ein sehr hohes ist.

Ueberhaupt kann man der Mehrzahl aller baulichen Veränderungen – sei es der Radikalumbau oder die Anbringung von Reklametafeln, Lichtkästen, Marmor- und Glasverkleidungen – ruhigen Gewissens gesagt werden, dass diese von einem Geist diktiert sind, der vorwärts will.

Fortschritt ist das beseelende Moment, das dem Gesicht dieser Strasse neue Züge gegeben hat. Man sieht hier und da auch etwas Verzerrtes und Unorganisches – doch jedes Gesicht hat irgendein Fältchen, das, wenn auch hässlich, zuweilen sogar einen besonderen Reiz für sich hat. Um so schöner und erhebender auf jeden Fall sind dann jene Züge, die das Charakterbild ausmachen. Und der Charakter dieser Geschäftsstrasse ist gut.

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Einige Bauten wurden näher beschrieben, aber besonders sticht heraus der Untertitel

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Bedingungslose Sachlichkeit war der Geist, der den Architekt beseelte, als er sich anschickte, das Schuhhaus Spier neuzugestalten. Die Aufgabe ist restlos geglückt und es ist das Verdienst des Architekten, etwas geschaffen zu haben, das im Gesamtkomplex dominierend wirkt.

Das Haus Parfümerie Kirchner, ebenfalls vom Zweckmässisgkeitsgedanken ausgehend, hat durch kluge Verlegung des Hauseinganges die ganze Front als Schaufenster gewonnen und so eine Wirkung erzielt, die als gut gelöst anzusprechen ist.

Das Nonplusultra aber aller Gesichtsveränderungen dieser Geschäftsstrasse ist der Umbau für die Schnellgaststätte «ein-zwei-drei». Aus einem absolut nichtssagenden Hauseck ist eine hochmoderne Buntglasarchitektur geworden, die bei aller Kühnheit, mit der hier mit allen alten Baukonditionen gebrochen worden ist, unbedingt überzeugt und fasziniert. Sowohl die Aufteilung wie die Ornamentierung der Farbflächen ist künstlerisch ebenso originell wie interessant. Wir können es wagen, ohne die Leistungen der anderen Architekten irgendwie zu schmälern, an dieser Stelle Herrn Zollinger zu gratulieren.

Zollinger

Speziell von Bauherren aus der Konfektions- und Schuh-Branche wurde Zollinger gerne beigezogen, meistens für Fassade und Eingang sowie die Verkaufsräume, welche er oft in einem Art déco ähnlichen Stil gestaltete:

Emil Kahn, Herren und Knabenkonfektion. 1925

Schuhhaus Louis Spier und Schuhhaus Bata. Jahre unbekannt

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Der Rheinische Hof war eine der ältesten und erstklassigsten Hoteladressen. Zollinger renovierte 1927 verschiedene Gasträume. Einerseits die Bar mit Wandmalereien seiner Gattin Freda Zollinger-Streiff. Andererseits einen Speisesaal, wiederum im Art-déco-Stil.

Overbeck war das renommierte Fachgeschäft für Herrenkonfektion.

Ein Um- und Erweiterungsbau erfolgte 1937 kurz vor Kriegsausbruch. Die Fassadengestaltung zeigte, bedingt durch die stilistischen Auflagen der Nationalsozialisten, wieder eine gewissen Geschlossenheit und Schwere. Der elegante Innenausbau im Art déco-Stil zog sich über mehrere Etagen.

Weitere Ausführungen in den Kapiteln Art déco-Interieurs und Restaurants.

 

Möglicherweise waren auch andere Bauten Zollingers an der Bahnhofstrasse Saarbrücken domiziliert, insbesondere Restaurants und Schnellimbisse in Zusammenarbeit mit der Walsheim-Brauerei wie die beiden erwähnten Rheinische Hof und Schnellgaststätte «eins-zwei-drei». Aktuell sind keine Adressen bekannt.

 

Empfehlenswerte Literatur zur Bahnhofstrasse Saarbrücken:

Schaufenster des Lebens – 150 Jahre Bahnhofstrasse Saarbrücken.

Veröffentlichung des Stadtarchives Saarbrücken. Edition Schaumberg, 2014. 375 Seiten

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