Lebenslauf
1903-1907 machte Otto Zollinger eine Zeichner-Lehre im angesehenen Zürcher Architekturbüro Chiodera und Tschudy. 1908/09 überwachte er in Rom für dieses Büro den Bau des Palazzo Lecca-Dugacini. Bereits im Alter von 24 Jahren eröffnete Zollinger sein eigenes Architekturbüro in Zürich, obwohl er sich zeitlebens als Autodidakt bezeichnete und nie eine Architekturschule besuchte, sowie andere berühmte Architekten der Zeit auch – wie Peter Behrens, in dem Zollinger ein Vorbild sah, oder Mies von der Rohe, um nur diese beiden zu nennen.
Sein erster Bau war 1909 der Ausbau der mittelalterlichen Wasserburg Schloss Hülchrath, zusammen mit seinem damaligen Architektenpartner Alwin Spengler. Ab 1910 bis 1920 tat Zollinger sich hervor mit dem Bau oder Umbau einer beträchtlichen Anzahl von zum Teil exklusiven Villen im Raum Zürich, die durchwegs dem Geschmack seiner Zeit, dem Heimatstil mit historistischen Ansätzen, verpflichtet waren. Die älteste davon noch erhaltene Villa ist das 1912 erbaute Haus Faller an der Goldauerstrasse in Zürich. In diese Periode fällt auch die Elisabethen-Kirche Zürich 1911.
Schon 1912 beteiligte sich Zollinger am Wettbewerb für ein Schweizer Nationaldenkmal in Schwyz. Die Gesamtgestaltung seines prämierten Beitrages wurde dann aber nicht für eine weitere Bearbeitung ausgewählt. Erfolgreicher war er 1922 mit dem ersten Platz im Wettbewerb für das Wehrmänner-Denkmal auf der Forch für die im Aktivdienst gestorbenen Wehrmänner des Kantons Zürich.
In den Jahren während und nach dem Ersten Weltkrieg stagnierte die schweizerische Volkswirtschaft, es mangelte an Bauaufträgen. Am Zeltweg 74 in Zürich, wo sich jetzt sein Büro befand, veranstaltete er Ausstellungen für Inneneinrichtungen, Kunstwerke und Dekorationen von Künstlern und betrieb eine private Kunstschule. Seine Schülerin Freda Streiff wurde später seine zweite Ehefrau. In dieser Zeit betätigte er sich auch als Bühnenbildner für das Schauspielhaus und das Stadttheater (heute Opernhaus) Zürich und sogar als Choreograph für Feuerwerke an zwei Seenachtsfesten in Zürich. Zudem war er Aussteller für Inneneinrichtungen im Kunstgewerbemuseum Zürich und Palais de Beaulieu Lausanne. Als Architekt kamen in dieser Zeit keine grossen Aufträge, aber er beteiligte sich an mehreren Wettbewerben für Kirchenprojekte, wo er expressionistische Vorschläge für grosse Rundkirchen einreichte, welche aber alle nicht realisiert wurden mit Ausnahme der Elisabethen-Kirche Zürich der Renovation der Kirche in seinem Geburts- und Heimatort Fällanden.
Zollinger selbst bezeichnete es als einen Zufall, dass seine Aufmerksamkeit in dieser Zeit auf das Saargebiet fiel, das nach dem Krieg auf 15 Jahre vom Deutschen Reich abgetrennt und durch den Völkerbund verwaltet wurde. 1924 eröffnete er sein Architekturbüro in Saarbrücken. An seinem neuen Wohnort war Zollinger nicht minder erfolgreich: Er beschäftigte sich mit diversen Innen-Umbauten im Stil des Art déco für Geschäftslokale und Villen. Dabei wurde er zu einem gefragten Architekt für Geschäfts- und Gastronomielokale im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Saarbrücker Bahnhofstrasse. Obwohl er in Saarbrücken schon früh mit der Bewegung des Neuen Bauens in Kontakt kam, brach er nicht mit den traditionalistischen Strömungen. Zollingers Architektur entwickelte nun hin zu einer gemässigten Moderne im Sinne des Neuen Bauens, mitunter näherten sich seine Entwürfe auch der radikalen Linie des Bauhauses an.


ca. 1920, Ort unbekannt
ca. 1910

1929 vor dem berühmten
Sprungturm Vevey-Corseaux
Eigentlich bezeichnet das Jahr 1929 einen Wendepunk im Werk von Otto Zollinger. Der Einfluss der Moderne manifestiert sich nicht nur bei der Villa Streiff in Küsnacht, sondern auch beim Kursaal Lido in Ascona und beim Seebad in Vevey-Corseaux, welche er von Saarbrücken aus realisierte. Eine Zeitzeugin des Neuen Bauens ist auch die 1928 von Zollinger ausgeführte Erweiterung der Walsheim-Brauerei nähe Saarbrücken.
Zu jener Zeit baute die Walsheim-Brauerei auch ein Netz an Schnellgaststätten auf um den eigenen Bierausschank zu fördern. Sowohl für diese Brauerei als auch für andere Bauherren realisierte Zollinger viele solche Gaststätten im Saarland und in Lothringen, insbesondere den Innenausbau: Z.B. Tanzdiele Monopol und Rheinischer Hof (beide mit Wandmalereien von Freda Zollinger-Streiff) und viele andere. Diese damals sehr modernen, urbanen Gaststätten wurden dann auch zum Grundstein für seine späteren Aufträge bei den Mövenpick-Restaurants.
Innenraumgestaltungen und Möbelentwürfe waren in allen Schaffensphasen Zollingers ein wichtiges Betätigungsfeld. In den von Zollinger zu jener Zeit entworfenen Häusern, welche die Formenspraches des Neuen Bauens atmeten, gelang ihm nicht nur die Uebereinstimmung von Raum und Inneneinrichtung, sondern auch die mit dem gesamten Bau: Innen und Aussen bildeten eine Einheit. Diese Tatsache gilt sowohl für die frühe Phase des Heimatstils als auch nach seiner Rückkehr in die Schweiz nach dem zweiten Weltkrieg. Da alles aus jenen Zeiten nur mit Schwarzweiss-Fotos dokumentiert ist, müssen wir uns die grosse farbliche Vielfalt durch die Farbbeschreibungen Zollingers oder in den Fachzeitschriften vorstellen.
Während Zollingers Saarbrücker Zeit entwarf oder realisierte auch viele Projekte zum Teil weit weg, so in der Schweiz die schon erwähnten Villa Streiff in Küsnacht, Casino Kursaal Lido Ascona, Vevey-Corseaux-Plage. Dazu kamen, leider nicht realisierte Grossprojekte für Hotels in Cannes, Split (Dalmatien) und anderswo – alle inklusive Rentabilitätsberechnungen für die Bauherrn oder Investoren.
Im Saarland wurde leider im zweiten Weltkrieg viel zerstört und es sind nur noch wenige Werke Zollingers bestehen geblieben, in erster Linie einige private Wohnhäuser, als Glanzlichter die teilweise Inneneinrichtung im Haus Herz, das Haus Hannig in Ensdorf (heute aussen frisch renoviert) und das Haus Schock, Metz (vom heutigen Inhaber liebevoll geschätzt und gepflegt). Alle drei stehen unter Denkmalschutz.
1945, nach dem Krieg, kehrte Otto Zollinger mit seiner dritten Ehefrau Helene zurück in die Schweiz und konnte wiederum sein Büro im Haus Zeltweg 74 beziehen, welches immer noch im Besitz von Freda-Zollinger-Streiff stand. Sie schaffte viele Innen-Dekorationsmalereien, insbesondere in Gaststätten im Saarland, wie schon erwähnt, und später auch in den ersten Mövenpicks.
Von 1948 bis 1958 war Mövenpick eine sehr wichtige Schaffensphase von Otto Zollinger. Für Ueli Prager schuf er einerseits den Namen Mövenpick und andererseits war er in jenen Jahren verantwortlich für die Architektur sämtlicher Innenausbauten und Inneneinrichtungen, welche damals in der Schweiz neuartig, einzigartig und richtungsweisend waren. Auch hier machte Freda Zollinger-Streiff viele Wandmalereien. Ausser Schwarzweiss-Fotos existiert leider nichts mehr – die Gastronomie muss sich stets dem Wandel der Zeit anpassen um erfolgreich zu bleiben.
Hauptwerke parallel zu Mövenpick und in den 50er-Jahren sind das Schwimmbad Adliswil, das Haus für Freda Zollinger-Streiff in Küsnacht, die Luftseilbahn Adliswil-Felsenegg.
Zollinger wurde am 6.5.1886 in Fällanden geboren, Name und Beruf des Vaters sind unbekannt, die Mutter, Anna Zollinger, war Näherin. 12-jährig wurde Otto Vollwaise. Der Fällander Dorfpfarrer Kaspar Hohl nahm ihn auf und sicherte ihm Ausbildung und Auskommen durch die Gemeinde. Hohl war Zollingers Förderer und ermöglichte ihm auch die Ausbildung im Architekturbüro Chiodera & Tschudy in Zürich. 1914 war Zollinger dann Architekt vom neuen Pfarrhaus Hohl in Zürich. Durch die Verbindung zu Pfarrer Hohl entwickelte sich vielleicht das Interesse für Kirchenprojekte.
Im Jahre 1908 heiratete er Ida Dättwiler (5.4.1889) und aus dieser Ehe stammten die Tochter Margrit (29.3.1908) und der Sohn Ingo (16.6.1909, mein Götti), beide verstorben ohne Nachkommen.
1919 kam die Heirat mit Freda Streiff, eine seiner Schülerinnen in seiner Kunstschule am Zeltweg 74. Aus dieser Ehe stammte die Tochter Eliann Maurer-Zollinger (31.10.1923, meine Mutter).
1943 erfolgte die Eheschliessung mit Helene Golnhofer, welche schon vor dem Krieg in seinem Büro Saarbrücken arbeitete. Sie stammte aus Obersdorf im Allgäu, wohin sie übersiedelten nach der Evakuation von Saarbrücken 1939. Im Jahre 1955 wurde sie die Gotte meiner Schwester Anja Maurer.
Für mich als Enkel (geb. 1953) und damals Bub war es schön, alle drei Ehefrauen gekannt zu haben und festzustellen, dass weiterhin freundschaftliche Beziehungen und familäre Treffen möglich waren. Auch während der Ehe mit Helene schuf meine Grossmutter Freda weiterhin diverse Wandmalereien in den Mövenpicks.
Verstorben ist Otto Zollinger am 22.4.1970 in Adliswil, wo er ein selbstentworfenes Einfamilienhaus bewohnte im Quartier Hündlistrasse (heute neu überbaut). Die Gemeinde Adliswil wurde zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier hatte er neben dem Schwimmbad (ursprüngliches Garderobenhaus mit gewächshausähnlicher Fensterfassade noch erhalten, heute Therapiepraxis) und der Tal- und Bergstation der Felseneggbahn (heute schön renoviert unter Respektierung des Ursprungs) auch weitere diverse Aufträge erhalten für Privathäuser und auch Grossüberbauungen mit Mietwohnungen, Projekte für die Zentrumsgestaltung und für ein Hotel (beide nicht ausgeführt) sowie für die Kirchgemeinde mit der (damaligen) Abdankungshalle (heute Helen Dahm-Haus mit Fresken der befreundeten Künstlerin).
Von Zollingers Schaffen in der Schweiz ist die Villa Streiff in Küsnacht durch die Vorgaben der Denkmalpflege im Aeusseren vollständig und im Innern teilweise erhalten und gilt als ein Hauptwerk. Auch das Casino Kursaal Lido Ascona (heute Delta Beach Lounge) zeigt sich mit den Renovationen und Umbauten wunderschön und der Kenner kann Otto Zollingers Handschrift erkennen. Beim Strandbad Vevey-Corseaux-Plage kann man trotz Umbauten noch das Bijoux von Otto Zollinger deutlich sehen. Alle diese drei Gebäude sind im Baustil Neues Bauen und unter Denkmalschutz. Im Heimatstil und ebenfalls denkmalgeschützt sind die Elisabethenkirche Zürich 1911 und das Haus Faller an der Goldauerstrasse in Zürich 1912. Letzteres ist das älteste erhaltene Wohnhaus Zollingers.
Das wertvollste erhaltene Objekt im Ausland ist die Villa Schock in Metz, Frankreich. Der Privatbesitzer ist sich des Erbes bewusst und pflegt es. Dank ihm gibt es dort sogar eine «Rue Otto Zollinger».
Heute innen zugängliche Lokalitäten oder Gebäude von Otto Zollinger sind:
Elisabethen-Kirche (heute Kirche Heilige Dreifaltigkeit), Zürich, 1911 / Reformierte Kirche, Fällanden, 1920/ Restaurant und Strandbad Vevey-Corseaux Plage, Vevey, 1929 / Casino Kursaal Lido (heute Delta Beach Lounge), Ascona, 1930 / Mövenpick (heute Restaurant Myle), Bern, 1953 / Abdankungshalle Friedhof (heute Helen Dahmhaus), Adliswil, 1956 /Luftseilbahn Felsenegg, Adliswil, 1958. Das besterhaltene und eindrücklichste Werk ist das Wehrmännerdenkmal auf der Forch und ein würdiger Gedenkort für Otto Zollinger.
Thommi Maurer, Enkel
Gedichtheft zu Lebensabschnitten
Zum
siebzigsten Geburtstag von
Architekt
O t t o Z o l l i n g e r

Die Zeit
Wenn Minut' sich an Minute
Und sich Stunde zur Stunde reiht,
Scheinen wartend selbst Momente
Manchmal eine lange Zeit.
Sind zu Tagen sie vereinigt,
Wochen oder Monden gar,
Wendet man, fast wie im Spiele,
Mühelos schon Jahr um Jahr.
Und sind siebzig Jahresblätter
Mit dem Leben bunt verziert,
Dann gibt es ein frohes Festehen
Und ein jeder gratuliert!
Die Ankunft!
Via freudiges Ereignis
Neunmonatig vorbestellt,
So erblicken wir, so heisst es,
Erstmals ns're schöne Welt.
Man orakelt vor der Ankunft
Von dem werdenden Geschlecht.
Manches wird verkehrt geboren
Und ist nachher trotzdem recht.
Gratulierend pilgern viele
Zu der Frau im Wochenbett.
Sie bewundern dort das Kleine,
Und sie sagen, es sei nett.
Und sie bringen Blumengrüsse,
Doch sie haben es nicht leicht.
Denn sie suchen zu erraten,
Wem das Windelnbündel gleicht!
Für Geburten, landesüblich,
Hat man klare Nächte gern.
Nur in jenen leuchtet sicher
Schicksalshaft ein heller Stern.
Nebst dem Sternbild hat die Wiege
Stets den Volksgeist tief bewegt.
Denn in sie wird mit dem Säugling
Das Genie hineingelegt.
Und genau vor siebzig Jahren
War die Wiege gross und schwer.
Damals kam doch unser Otto
Via Storchennest daher.
Otto ist ein edler Name,
Der des Geistes nicht entbehrt.
Nur ein Otto bleibt stets Otto,
Selbst von hinten und verkehrt!
Morgenröte
Aus dem Säugling ward ein Knabe,
Ganz natürlich, ohne Trick.
Aus dem Otto wurde langsam
Bald ein ausgewachs'ner Strick!
Und schon diente er als Knechtchen.
Seine Tage urden lang.
In Fällanden war der Otto
Lange Zeit beim Gibel Schang.
Seine Arbeit nahm kein Ende,
Endlos klein war auch dar Lohn.
Eines Tages lief der Otto
Seinem Gibel Schang davon.
Und mit seiner besten'Hose,
Doch auch diese lauter Flick,
Lief er schnell in Richtung Zürich
Für ein besseres Geschick.
Mit fünf Batzen und den Skizzen
Machte er den ersten Spurt.
Die Gestirne standen günstig,
So wie einst bei der Geburt.
Aengstlich eilten seine Füsse
Erstmals auf der eig'nen Bahn.
Doch er kam, wie ferngesteuert,
Plötzlich dann vor Zürich an.
Und ein alter Strassenwischer
Fragte : "Bueb1i, wo wottsch hi?
Mit Dim Ufzug chönntisch böögge,
Aber d'Fasnacht isch verby!"
Doch der Alte grinste fröhlich,
Und der Otto, der stand still:
"Ich, ich chumme nu uf Züri,
Will ich öppis schaffe will.“
"Und villicht chönd Si mir säge
Was ich öpe mache sell.
loh ha da die Skizze zeichnet.
Wüssed Si mir scho e Stell?"
"Künstlerisch, so will mer schiene,
Das scho öpis i Der stäckt.
Buebli los, ich weis es plötzli,
Du wirsch doch en Architäkt!“
Und der Gibel Schang, der fluchte
Ueber den entlauf'nen Knecht!
Und er liess an dem Verscholl'nen
Keinen einz'gen Faden recht.
Und das Waisenamt, das wurde
Aus dem Schlummer aufgeschreckt.
Bald war schon der arme Otto
Von der Polizei entdeckt.
Diese hat mit böser Miene
Ihn sogleich zurückgeschickt,
Ihn, den Architektenlehrbub,
Ganz gebrochen und geknickt!
Und die Waisenväter drohten
Tobend ihm mit Spritzenhaus,
Die Verrücktheit der Ideen
Treibe man ihm sicher aus,
Architekt, das sei ein Unsinn,
Er sei ein missrat'ner Strick!
Tags darauf, da stack der Otto
Schon in einer Schuhfabrik.
Doch die Sterne standen günstig!
Nach dem ersten Schinderlohn,
Lief der Otto kurzentschlossen
Halt zum zweitenmal davon.
Otto kam erneut nach Zürich.
Chiodera grinste fein.
Dieser stellte seinen Lehrbub
Auch zum zweitenmale ein.
Mit den Waisenvätern sass nun
Chiodera zu Gericht.
Und die tapfern schnitten hernach
Fast ein klägliches Gesicht.
Wenn der Otto sie nichts koste,
Stimmten sofort alle ein,
Dürfe er, nach ihrem Standpunkt,
Architektenlehrbub sein!
Der Anfang
In den Sternen stand's geschrieben
Und, als sich die Schrift enthüllt,
Hat, gemäss der Prophezeiung,
Ottos Laufbahn sich erfüllt.
Chiodera hiess sein Meister,
Wohlbestallt und wohlbekannt.
Und von diesem ward, als Zeichner,
Lehrbub Otto eingespannt.
Doch schon nach der ersten Stunde
Roch die Büroluft nach Stall.
Und der Meister meinte schnuppernd,
Otto sei ein Sonderfall.
Und er schickte via Vorschuss
Otto an die frische Luft.
Dieser kaufte sich in Zürich
Erstmals selber eine Kluft.
"Otto, dort beim Helmhaus wartest
Du auf mich, nach meinem Hock!"
Und der Otto, der gehorchte,
Ganz erfüllt vom neuen Rock.
Seinem neuen Schlips und Kragen.
Jetzt war er so elegant,
Dass sein guter neuer Meister
Ihn von selber nicht erkannt.
"Otto" meinte dieser lachend,
"Dich umwirbt der Musen Gunst.
So ein Wandel in zwei Stunden,
Das ist allerhöchste Kunst!"
Stolz sah man den hübschen Otto
Jetzt durch Zürichs Strassen ziehn.
In Fällanden war das anders,
Denn Fällanden suchte ihn!
Das Stipendium
In der Architektenbude
Stieg der Otto steil bergan
Und er schielte dabei heftig
Nach dem Ruhm der Künstlerbahn.
Doch die Kunst, die war seit
jeher Stets ein dürres Ackerfeld.
Und zur weiter'n Künstlerbildung
Fehlte vorderhand das Geld.
Doch die Waisenväter prüften
Jetzo ein Stipendium.
Denn die Freunde Ottos baten
Ueberzeugungsvoll darum.
Glücklich sieht man Otto wandern.
Nach Fällanden zielt sein Schritt.
Unterm Arme, in der Mappe,
Trägt er seine Künste mit.
Und er träumt von seiner Zukunft.
Mit Stipendien versehn
Wird er bald als Musenjünger
Fröhlich durch das Leben gehn.
In der Kirche, an den Taufstein,
Dorthin hat man ihn bestellt.
Dort liegt, sauber aufgeschichtet,
Auch ein Häufchen Silbergeld.
Unser Otto tritt fast schüchtern
In die leere Kirche ein.
Pfarrherr nur und Waisenväter
Stehn am Taufstein ganz allein.
Nach dem Grusse blickt der Otto
Schnell zum Silbergeld empor
Und, um sein Genie zu zeigen,
Legt er gleich die Skizzen vor.
In der Waisenväter Staunen
Schreit der Pfarrer wutgepackt:
"Otto, du verdammter Lümmel,
Lauter Weiber, und noch nackt!"
"Du bist schon komplett missraten,
Bist verdorben und verrucht!"
Blitzschnell nach dem Gelde greifend,
Wendet Otto sich zur Flucht.
Und er schmeisst die zwölf Fünfliber
In der Kirche weiten Raum.
Dann eilt er durch Feld und Wiesen
Wie verfolgt vom bösen Traum.
Selbst als jeder Waisenvater
Auf dem Kirchenboden kroch,
Fand man nur noch elf Fünfliber,
Einen, hiess es, stahl er doch!
Otto hat in spätern Jahren
Diese Kirche umgebaut.
Man ersetzte auch den Boden,
Und da hat er zugeschaut.
Plötzlich kam aus einer Ritze
Ein Fünfliber an das Licht!
Und der Otto rief voll Freude:
"Seht ihr, ich bestahl Euch nicht!"
"Und dazu verzieht ich weiter
Auf mein Umbauhonorar!
Helft damit den Waisenknaben,
Deren einer ich einst war!"
Der Zenith
Ausgelernt war jetzt der Otto
Und er fuhr ins weite Land,
Wo er, neben schönsten Blüten,
Auserwählte Dornen fand.
Die Gestirne standen günstig,
Denn sie hielten ihn im Schuss!
Er verteilte frohen Herzens
Hundertmal den ersten Kuss!
Und auf seinen vielen Reisen
Waren Sorgen ihm ein Hohn,
Denn er lief, sobald sie drückten,
Ihnen kinderleicht davon.
Ständig von der heil'gen Flamme
Innen künstlerisch erhellt,
Hat er, auf der Forch, dem Volke
Sie als Denkmal hingestellt!
Und in Rom baut' er Paläste,
Sang dazu ein Minnelied.
Schloss daneben eine Ehe,
Die man etwas später schied.
Dort, im Land der edlen Künste,
Hat der Otto nichts versäumt.
Irgendwo lebt eine Nonne,
Die noch heute von ihm träumt!
Nachher flickte er im Rheinland
Schnell ein stolzes Grafenschloss.
Knüpfte wieder eine Ehe,
Die ihn neuerdings verdross!
Hat in einem Aeroplane,
Der noch vogelhaft gebaut,
Hinten, in den Drähten sitzend,
Sich den Lüften anvertraut.
Doch die Kiste schwankte böse.
Selbst der Otto wurde bleich.
Stürzend landete er glücklich
Unverletzt in einem Teich.
Tief im Drecke stack der Otto,
Doch im Geist war alles See.
Denn für Veveys Schwimmbadbaute
Kam ihm damals die Idee.
Weiter zog er nach Saarbrücken.
Kam dazwischen in die Schweiz.
Baute schnell im Städtchen Hamburg
Eine riesengrosse Beiz.
Vieles, was sein Geist kreierte,
Hat die andern angeregt.
Mit dem Auto hat er zweimal
Sich vor einen Zug gelegt!
Als mit Lärm die Splitter flogen,
Als der letzte Schrei verhallt,
Kroch, aus einem Trümmerhaufen,
Ottos lachende Gestalt.
Nur sein "Photo" ward gerettet,
Alles ging sonst völlig drauf!
Doch zum ewigen Gedenken
Nahm er schnell die Szene auf.
Als der Otto für Spalato
Rang mit seinem Hotelhaus,
Teilte Deutschlands grösster Maler
seine braunen Hemden aus.
Ottos Villa, samt Saarbrücken,
Wurden rückgedeutscht ins Reich.
Dem Fällander Waisenknaben
War das vorerst richtig gleich.
Doch die Greifenseer Sprache
Kratzte jetzt im deutschen Ohr.
Und man merkte unsern Otto
Auf der schwarzen Liste vor.
Dieser scherte sich den Teufel
Um das braune Drum und Dran.
Er entwarf zuletzt am Dnjepr
Einen neuen Städteplan.
Seine Villa in Saarbrücken
Wurde fast zu seiner Gruft.
Plötzlich, via Yankeebombe,
Flog sie stiebend in die Luft!
Und vor diesem Trümmerhaufen,
Da entschwand der Fremde Reiz.
Otto kam, in Hemd und Hosen,
Mit der Helen in die Schweiz.
Doch die Sterne standen günstig!
Rauschend floss die stolze Sihl!
Und der Otto und die Helen
Kamen drum nach Adliswil!
Jedoch, nach dem Regenwetter,
Da vertrocknete der Fluss.
Das war für die Adliswiler
Und den Otto von Verdruss.
Und er hat sein Schwimmbadbecken
Uns so günstig offeriert,
Dass der Haushalt der Gemeinde
Sich am Reingewinn saniert.
Weiter schuf er aus der Kirche
Ein gedieg'nes Gotteshaus.
Nur am neuen Zifferblatte
Tobte sich die Volkswut aus.
Beide Seilbahnstationen,
Die verraten sein Geichick.
Gleichzeits mit dem Leichenhause
Baute er ein Mövenpick!
Mitten drin in seinem Schaffen
Wird dem Jüngling plötzlich klar,
Dass er, ohne es zu merken,
Vorhin siebzigjährig war.
Er besinnt sich fünf Minuten
Und dann sagt er plötzlich: "Hopp!
Jetzt beginnt doch ziemlich sicher
Erst der richtige Galopp!
Die Gestirne stehen günstig,
Noch gibts lange keinen Halt!
Unser Otto wird ganz sicher
Erst mit neunzig Jahren alt!
Die Gratulation
Wer sein Leben reich gestaltet
Und die Tage wohl benützt,
Wer die Gaben gut verwaltet
Hat sich selber stets genützt!
Wer als Künstler frohen Mutes
In das Licht der Tage schaut,
Wer als Wahrer höchsten Gutes
Mutig immer weiterbaut,
Wer sein Fest mit siebzig Jahren
Als ein Schaffender begeht
Und im Geist und im Gebahren
In der zweiten Jugend steht,
Wer ob allen Normen lachte
und auf jedes Schlagwort pfiff,
wer sein eig'nes Feuer fachte,
Das ist Otto, als Begriff!
Der im Geist sich wie beflügelt
Ueber Hergebrachtes hebt,
wer nicht lang am Alten klügelt,
das ist Otto, wie er lebt!
Wer noch nie um Geld gehandelt
Wie so manch bigotter Christ,
wer sein Wesen nie verwandelt,
Das ist Otto, wie er ist!
Wer mit solchen siebzig Lenzen,
wie der Otto, sich verziert,
der braucht nichts mehr zu ergänzen,
Dem wird einfach gratuliert!
Da gibts nichts mehr zu bedenken
Für die Gratulantenschar.
Alle kommen und beschenken
Unser'n jungen Jubilar!