Essays
Otto Zollinger verfasste Schriften zu Bauobjekten und verschiedenen Themen.
Diese werden in diesem Kapitel aufgeführt. Die Auflistung wird fortlaufend ergänzt.
Kirche Fällanden, 1921
Bei der Renovation der Kirche Fällanden im Jahre 1920 sind erhebliche Kostenüberschreitungen entstanden, zu denen sich Otto Zollinger äussert.
Schweizerische Bauzeitung 1921, Band 77/78, Heft 26
Die Kirche in Fällanden
Renoviert durch
Arch. Otto Zollinger, Zürich
Hinterm Zürichberg, am untern Ende des Greifensees, liegen einander benachbart drei kleine Orte, deren alte Kirchlein alle gleich bemerkenswert und eigenartig sind, so sehr sie sich voneinander unterscheiden: Greifensee, Schwerzenbach und Fällanden.
Das erstgenannte, im Grundriss einen Viertelskreisausschnitt bedeckende, haben wir unsern Lesern zu Ostern 1918 bereits vorgeführt; das zu Fällanden wählen wir zum Schmuck unserer heutigen Weihnachtsnummer.
Wie aus dem Grundriss erkennbar, ist der lange schmale Baukörper durch zu verschiedenen Zeiten vorgenommene Verlängerung entstanden. Die ursprüngliche, vermutlich zum Fraumünster gehörige Kapelle umfasste den südöstlichen Teil bis und mit dem Eingang an der Längsfront und stammt vermutlich aus dem XIII. Jahrhundert. Die erste Vergrösserung schuf das Mittelstück, von aussen gesehen die beiden Spitzbogenfenster; das letzte Drittel brachte den Bau auf die heutige Länge und verschob den axialen Eingang an die heutige Stelle. Die Renovation Zollingers schuf hier die offene Vorhalle, im Innern aber eine völlige Neueinrichtung, unter Beibehaltung des alten Taufsteins; beabsichtigt sind noch Wandmalereien von Paul Bodmer, der wie Arch. Otto Zollinger aus Fällanden stammt. Daraus erklärt es sich, dass die Fällander die Renovation ihres Kirchleins zwei so ausgesprochen modernen Künstlern anvertrauten, eine erfreuliche Ausnahme von der sonstigen Regel, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Vaterlande.
Es ist heute Weihnacht. Wir wollen daher statt der üblichen Beschreibung die Bilder sprechen lassen, vor allem aber dem Architekten das Wort erteilen, der, an seine Mitbürger sich wendend, gleichzeitig uns Allen ins Gewissen redet, darüber, wie jeder an seinem Ort seine Arbeit tun muss, treu sich selbst, seiner innern Ueberzeugung gemäss. Zollinger schreibt uns dazu folgendes:
„Sie ersuchen mich um einige Worte über den Kirchen- Um- und Ausbau, den Sie in Ihrem Blatte in einigen Bildern zeigen wollen. Ich schicke Ihnen hier den Text zweier Reden, weil ich diesen für wichtiger halte, als Worte über mein Werk, das jedermann nach eigenem Fühlen und Denken werten mag.
Bei mir gilt nur Ja oder Nein, kein Schaffen mit Kompromissen, nur Schaffen aus Ueberzeugung. Lieber brechen, als ein einziges Mal sich selbst betrügen. Nur unter solcher Losung baut man Häuser, die Charakter haben, nur in solchen Schöpfungen wird ein elementares Wesen spürbar sein. Vielleicht formt der Künstler dann manchmal etwas kühn und grotesk, aber doch anregend. Und Anregungen erziehen.
Ja, zur Erziehung sollen wir fähig sein. Wir sollen Bauherren erziehen können. Wir sollen stark sein, sie zum Glauben an uns zu erziehen. Nur wer seiner Ueberzeugung treu bleibt, wird dem Bauherrn den Glauben an sich eingeben. Wem es weh tut, wer sich von Pfeilen gespickt fühlt wenn man ihm Idee um Idee beschneidet und glättet, der wird lieber verzichten, die Idee lieber sterben lassen. Es gilt das ganze Künstlertum durchzusetzen, um für spätere Generationen zu wirken. Wie gierig saugen wir jetzt Frührenaissance, Gotik, „Um 1800" u. drgl. ein—aber wie geistesarm nivellieren wir das Groteske jener Gestalter! Wie arm an künstlerischen Bekenntnissen müssen die Kommenden unsere Zeit finden! Unsere Zeit ist eine geschäftige, eine geschäftliche Zeit und die Baukunst ist eine Geschäftskunst geworden, und aus Angst, das „Geschäft" könnte entgehen, werden Ueberzeugungen geopfert, werden Kompromisse geschlossen, wird das Ich verleugnet, wird die Kunst betrogen.
Nun wird man verstehen, was ich mit meinen Reden sagen wollte: Rückgrat haben, aufrecht stehen um seiner Ideale willen — säen, immer wieder säen! Einmal wird der Same aufgehen.
Otto Zollinger


Aus der ersten Rede zur Projekt-Vorlage und Kredit-Erteilung:
„Werte Mitbürger!
Nach den Erläuterungen, die ich Euch an Hand der Pläne gegeben habe, erlaubt mir nun, Euch noch einige Gedankengänge vorzutragen, die mich dabei geleitet haben. Die Kirchenpflege hatte mir alle ihre Wünsche aufgezählt, hatte mich ängstlich nach den Möglichkeiten gefragt, die im Hinblick auf den bestehenden Baufonds sich bieten möchten. Ihr habt gehört und gesehen, dass ich meine Vorschläge ziemlich absolut formuliert habe. Ich konnte nicht anders, wenn endlich einmal etwas Zweckwürdiges entstehen soll. Bedenkt, dass die öffentlichen Gebäude eines Staates, einer Stadt, einer Gemeinde, gleichgültig ob Schulhaus, Kirche oder Festsaal, das Gesicht des Staates, der Stadt oder der Gemeinde sind. Sie sind der Gradmesser der Kulturbedürftigkeit, sie zeugen von Bildungsdrang, von der Gottesliebe und von Freude, die in den Herzen wohnt.
Die Welt ist voller Klagen über die Zersetzung des Staates, der Gemeinde, des Familienglücks. Eines der Heilmittel ist sicher die Stube, die die Mutter liebevoll einrichtet, wo sie sorgsam zusammenhält, was der Vater schafft, die Stube, wo das Heimatgefühl wächst, das den in der Ferne weilenden Kindern zum Heimweh wird. Das Heimweh treibt mich immer auf die Wege der Fluren und Wälder, die mich die Mutter führte, immer zu den Bäumen und Blumen, die sie mir zeigte und deren Namen sie mich lehrte. Wie misse ich hier in Fällanden die hohen Pappeln an Eurem Dorfbach, die Ihr, pietätlos gegen Eure Vorfahren, umgehauen habt. Wie viel Charakter habt Ihr damit dem Dorfe genommen! Das bisschen Gelderlös wiegt das Verlorne niemals auf.
Auch die Gemeinde ist eine Mutter. Eine stolze, eine selbstbewusste Mutter soll sie sein. Zu Stolz und Selbstbewusstsein soll sie ihre Bürger erziehen, auf dass diese ihr Ehre und Namen wahren, zu Hause und in der Fremde.
Von solchem Standpunkt aus betrachtet, stellt die jetzige Kirche der Gemeinde das schlimmste Zeugnis aus. Sie ist ein Jahrhunderte altes Flickwerk. Wo mal an Bänken oder am Getäfel ein Brett fehlte oder faulte, hat man einen Flick hingenagelt, als wärs zu Hause im Holzschopf. Die Jungen werden ein solches Erbe nicht schätzen können, nur gleichgültig und mit Geringschätzung werden sie ihrer Vorfahren gedenken. Kein Heimweh wird sie plagen, kein Dank verpflichtet sie, keine Liebe wird sie regen; im Gegenteil: Interesselosigkeit ist die Frucht solcher Erziehung — Zersetzung.
So genehmiget nun den geforderten Kredit und bauet Euch Eure Sonntagstube, eine Stätte der gemeinsamen Sammlung, der seelischen Erholung, eine Stätte, wo Ihr fühlet, dass sie Euer ist, gemeinsames Gut und Ideal, eine Stätte zur Ehre Gottes und zu Eurer Ehre! "
Und die zweite Rede, die zur Rechnungsabnahme:
„Werte Mitbürger!
Ich übergebe Euch hier die Abrechnung über die Baukosten, die ungefähr auf das Doppelte dessen gestiegen sind, was Ihr im Sommer genehmigt habt. Die Mehrkosten ergaben sich aus Mehrarbeiten, deren Notwendigkeit zum Teil unvorhergesehen, erst während des Bauens sich zeigte, zum andern Teil für Ausführungen, die erst unterbleiben sollten, in der Folge aber im Interesse einer künstlerischen Einheit sich doch noch aufdrängten.
Nehmt diese Rechnung mit etwas Humor auf und denkt dabei, dass der erteilt gewesene Kredit für die Unterlassungen eines Jahrhunderts vor der Umbaute, der Nachkredit fürs Jahrhundert nach der Umbaute zu rechnen sei. Oder sprecht, wie ein Medici, als ihm der Florentiner Kirchenbaumeister die hohe Rechnung vorlegte: Wohlan mein Herr, das Geld ist wenigstens für eine schöne Sache ausgegeben worden! Zwar sind manche unter Euch darin noch nicht so ganz meiner Meinung. Die Malereien z. B. der Vorhalle (die Euch zwar nichts kosten, denn ich habe sie gratis hingemalt) gefallen Euch nicht sehr. Auch höre ich, dass die Geistlichkeit sehr gegen die Anbringung der Bodmerschen Bilder predigt. Die Argumente kann ich aber nicht billigen, weil sie mehr aus einem Nichtverstehen erwachsen, denn aus einem Prinzip. Dort aber, wo sie als Ausflucht das Grundsätzliche berühren, möchte ich mich in folgender Meinung äussern:
Zwingli übersah, dass er nicht ewig als zwingender Redner auf der Kanzel stehen würde um seine geistsprühende Lehre um sich zu blitzen und dass einmal die Spannung nachlassen würde, die eine Revolutionszeit beherrscht; dass wieder einmal eine Zeit kommen würde, wo Herz und Gemüt nicht nur durch Ohr und Verstand, sondern auch durch das Auge und die schönheitsbedürftigen Sinne gestärkt und genährt werden wollen.
Hierin tut die katholische Kirche gut: Prediger wie ein Bonaventura sind selten; darum malt sie für die toten Punkte in den Predigten lebendige Punkte an die Wände, und wohl schon manchmal hat ein Bild ergänzend eingegriffen wo das Wort die Wirkung nicht vollbrachte. Das Bild, das der Maler malt, ist ein gemaltes Gebet, ein gemalter Hymnus; mit gleicher Innigkeit und Stärke will es zum Herzen dringen und von der Göttlichkeit aller Dinge reden, wie die Predigt des Pfarrers und wie Gesang und Orgelklang. Darum schmücket die Sonntagstuben wieder! Die Beherrschung des Worts, des Tons, der bildenden Kunst, sie sind Talente, die Gott zu gleichwertiger Ausübung verliehen. Die Reformation hat durch den Fanatismus ihrer Lehre und ihrer Bilderstürmerei der Kunst ungeheure Wunden geschlagen und dadurch die Entwicklung bis auf die heutigen Tage gehemmt. Sie hat dadurch auch mitgeholfen den Materialismus heraufzubeschwören, durch den dann die Beziehungen zwischen Natur und Herz noch vollends zerrissen wurden. Es wird hohe Zeit, dass auch die Kirche mithilft, diese Verbindung wieder herzustellen, sonst läuft das religiöse Gemüt im Menschen eigene Wege und korrigiert von sich aus jene zu hartgeführte Reformation."
Zeitschrift „Das Werk – Architektur und Kunst“, 1923, Band 10, Heft 9
Moderne Strömungen in unserer Baukunst, 1923
Die Tatsachen - die Rückblicke in die Zeilen historischer Stilbildungen, ja schon die Rückblicke in das Zeitbild vor 20-30 Jahren beweisen, dass auch das Geschehen in den Veränderungen der Künste ähnlich vor sich geht, wie das grosse Naturgeschehen. Wirkt nicht die Frührenaissance wie das Kommen des Frühlings, die Hochrenaissance wie der farbig festliche Sommer, der Barock wie der früchtereife Herbst und das Empire wie die gefrorenen Schönheiten des Winters! Und alle, bauten sie sich nicht Form aus Form, sind sie nicht stets das Kleid, das der Geist seiner Zeil geschaffen hat! Der gestaltende Geist hat sich nirgends vermessen von heute auf morgen gänzlich neues zu vollbringen, aber er kann nicht anders, als stetig neues zu sinnen, als ewig sich zu wandeln im Rhythmus ewiger Gesetze, wie die Natur selbst, ewig zerstörend und ewig aufbauend.
Bilderbücher und Reisen, Museen und Ausgrabungen lassen uns heute bis an den Anfang aller Dinge schauen. Sie zeigen uns, wie im ewigen Wandel der Kulturen sich eines zum anderen fügte. Sie zeigen uns das Hin- und Herwogen der Weltanschauungen, das Uebernehmen und Verwerfen erschaffener Formen. Messel baute sein Kaufhaus Wertheim, Olbrich sein Kaufhaus Tietz und Billing seine Universität Freiburg vor 20-30 Jahren. War das nicht die Morgenröte unserer Zeit - und auch nicht vermessen neu entstanden von einem Tag auf den andern. Es war in eigener Tradition lebenlangen Schaffens Endresultat.
Bei uns in der Schweiz ist diese «Frührenaissance» nicht weiter entwickelt worden. Die Entwicklung
lief in die Sackgasse, weil man die Elemente jener neuen Bauweise nicht erkannt hat, man hat nur die originellen Aeusserlichkeiten übernommen und verwendet und so kunstgewerbelnde Häuse·gebaut; es fehlte an gestaltender Kraft.
Nur die Technik ist unermüdlich bemüht, die Forderungen unserer Lebensästhetik zu befriedigen,
und Malerei, Plastik, Literatur und Musik weben mit am neuen Kleid. Architektura steht weise lächelnd abseits. Warum will sie leise lächelnd sterben? Ist die Ausrede, es seien der Dokumente des Niederganges schon genug und es sei die Zeit es nicht wert, sie zu formen, nicht etwa faule Verlegenheit? Wer sich kräftig fühlt, empört sich und setzt dem Niedergang Hindernisse in den Weg! Aber wir haben ja keinen Niedergang, wenn wir nicht politische, wirtschaftliche Elemente mit künstlerischen verwechseln oder vermengen. Die Kunstkultur schafft ihre Werte neben diesem Geschehen, heute, wie in vergangenen Jahrhunderten. Und ist es nicht so, dass sehr oft die stärksten Werte aus politischem, wirtschaftlichem Chaos emporgeschossen sind wie leuchtende Sterne, wie Schreie nach Erlösung! Politisch sind unsere Tage wohl wenig chaotischer, als zur· Zeit, da es in Assisi keimte, da Florenz im Wachsen war und weithin seine Wurzeln zog, aus denen neue Triebe sprossten und aufgingen in wundervollen Blüten.
lm Wechsel der Weltanschauungen gärt die treibende Kraft für die Künste. Wenn wir im Geiste die Jahrhunderte der Aegypter, der Griechen, vorbeiziehen lassen, wenn wir durch die Gotik, die Renaissance, den Barock schreiten, staunen wir über die Reinheit des Kulturkleides bis zum letzten Nadelstich. Die Kleider der Männer und Frauen glichen ihren Porzellanen, ihren Möbeln, ihren Teppichen. Die Wagen glichen den Portalen, durch die sie fuhren, glichen den Häusern ihrer Herrschaften. Da war kein Zwiespalt zwischen Lebensform und Lebenskleid. Aber auch jene Bildner haben sich mit Grotesken getummelt, haben um die Form gerungen, die ihrer Idee Gestalt geben sollte. An hundert und aberhundert Dingen laufen wir vorbei, um plötzlich vor einem Gipfelwerk betend zu verharren, an dem wir heute noch das «Warum» ergründen, nicht aber das «Womit» erlernen sollen.
Das Stilwerden ist nicht Genossenschaftssache, ist nicht Mache einer Organisation, ist nicht Statutenwesen eines Vereins. Auch Organisationen bersten, brechen zusammen, sobald die Menschen die Mitgliederschaft versagen, sobald sie aufhören, Nummern zu sein. Gestaltender Geist lässt sich nicht einordnen. Die Kunst kommt nie vom grossen Schub, immer vom Einzelnen, vom Träger der Sendung. Wenn die Sendung nicht erkannt wird, wenn Neid und Missgunst sie verlachen, entsteht das Chaos.
Wir haben ein Chaos durch die Vielen, welche mit dem «Womit» spekulieren, welche mit dem «Womit» den Beruf erlernten, welche das «Warum• nie erkannten, es auch nie erkennen wollten, das «Warum» der Berufenen. Und hier krankt die Organisation der Architektur-Hochschulen, dass sie organisiert das Mittel lehren, womit man den Beruf ausübt und dass sie die Kunstform wie ein Baumittel behandeln. Darum entstehen mit den erlernten Säulen, Gesimsen und Ornamenten die «Gemeinsamkeitsbauten» ohne Leiden-schaft, ohne Drang und Atmung. Und hier beginnt dann die Tatsache, dass der Schrei nach dem Halt an der Tradition nur Deckmantel ist für Phantasiearmut, für Mangel an Gestaltungskraft.
Durch das Zerlegen von Homer, Shakespeare und Schiller in Aufsäze sind diese noch nicht erlebt, sondern nur behandelt, vielleicht misshandelt und so ist es mit dem Erlernen der Antike, der Renaissance etc. Und darum sind die Diplomarbeiten der klassischen Klasse an der E. T. H. zum Teil genau so unerquicklich anzuschauen, wie zum Teil diejenigen der Klasse, welche mit „Expressionismus“, fuhrwerkt. Die Einen schaffen nach alten, die Anderen nach neuen Vorlagen. Beide schaffen nach äusserlich geschautem Anschauungsmaterial. Erlebt ist beides nicht - es sind eben Früchte eines Lehrganges, nur künstliche Früchte, keine künstlerischen Taten, vom Herzblut genährt und durch das Erlebnis am Material und am Leben gemusst. Wie wäre es auch möglich, von diesen jungen Leuten, an denen das Leben noch nie gerüttelt hat, ein reifes Schauspiel formuliert zu sehen! Die Berufenen unter dieser Schar werden später nie mehr ihrer Diplomarbeit gleichen, sondern es wird das Lebendige in ihnen zum Gipfel treiben, genährt von des Lebens Freud und Leid. Die Grosstaten der Kunst wurzeln ja auch in den seltensten Fällen in den Aka-demien. Zur Zeit der grossen Kunstepochen sind die Grossmeister der Kunst aus den Meisterwerkstätten hervorgegangen. Darum ist auch das Bild ihrer Tätigkeit ein so eminent reiches. Und dieses Erschaffen von Realitäten, dieses Erschaffen aus dem Material hat jedenfalls auch den ungeheuren Respekt vor der Tat erzogen, den man heute noch selbst vor Erzeugnissen kleiner Bedeutung empfindet. Und wie stehen erst sie da - die Grosstaten der Grossmeister, manchmal in ein und derselben Stadt - als Nachbarn, ge-boren in verschiedenen Zeitaltern - gestaltet von verschiedensten Geistern - eine Versammlung von Per-sönlichkeiten, die immer verbunden ist durch das „Warum“, nicht durch das „Womit“, in dem sie einander oft sogar sehr fremd sind.
Wir haben das Chaos nicht mehr, wenn wir die grossen Bauwerke und Bauprojekte unserer Modernen zusammengestellt betrachten. Dann staunen wir vor dieser grossen Einheit im Erleben, im Wollen. Wir entdecken nur Verschiedenheiten in der Aeusserung, im Vollbringen, in der Handschrift. Eine Freude ist es, wie dieser eine Formwille die Erde umfliegt. - Warum nennt man nicht auch Chaos, wenn Donatello anders schreibt, als 'Ghiberti, Bramante anders, als Alberti oder Michelangelo? Unter den tiefernst schaf-fenden Baukünstlern unserer Zeit wird es keinen geben, der seine Bauformen aus kubistischen oder expres-sionistischen Bildern borgt. Aber dem, dessen Bauwerke ,Expressionismus sind, dessen Wiege ist wohl bei den Aegyptern, bei den Gotikern oder im Barock gestanden.
Wer nach Stil ruft, muss vor allem Charakter im Stil meinen und wenn ein Charakterbild in unsere Architektur kommen soll, dürfen vor allem nur noch charakterfeste Persönlichkeiten bauen. Da braucht es aber vor allem eher strenge Selbstzucht in der Wahl des Berufes, als in der Einordnung in die Zunft. Sobald der Architektenberuf kein Beruf mehr ist, sondern eine Berufung, eine Begabung, so wird man ihn auch nicht mehr erlernen, man wird ihn werden, werden aus innerem Drang - ohne spekulative Nebenabsichten. Dann wird Architektur nicht mehr zu verwechseln sein mit Baumeistertum, ob dieses wissenschaftlich organisiert, ästhetisch gebildet, oder praktisch ausführend einhergeht. Der Architekt muss wieder werden mit dem Glauben an eine Mission - um der Mission willen, nicht um der Norm des J. A. V. wegen. Er muss für seine Ueberzeugung opfern können, wie Maler und Bildhauer, welche Mangel leiden am Nötigsten und doch dabeibleiben. Sobald nur noch diejenigen Architektur schaffen, die dazu berufen sind, werden wir wieder eine Stileinheit haben von echter, starker Schönheit, vielleicht grotesk manchmal, aber lebendig. Sie wird voll sein vom Rhythmus und der Melodie unseres Lebens. Dann werden wir unsere moderne Architektur haben, in der man unser Schicksal sieht. Dann wird auch die Zeit wieder da sein, wo wieder alle Künste miteinander ein Ziel haben werden und wir werden dann erst recht um Hodler und um Cezanne trauern. Diese Stilepoche wird nicht mehr einherschreiten mit gewaltigem Pathos, schellend und bammelnd in antiquarischen Ornamenten, in plundrigem Mösch.
Der neue Architekt wird sich an der sachlichen Aesthetik der technischen Schöpfungen begeistern, an den Schöpfungen der Mode und des Kunstgewerbes. Was er da gewinnt, wird er versuchen in eins zu mischen mit. den Wirkungsgeheimnissen, die er den Altvordern ablauschte. So werden wir wieder Häuser bekommen von der Formschönheit unserer Verkehrsmittel, Möbel, welche zu unseren Kleidern passen, zu unserem neuen Gesellschaftsleben. Oder sind sie vielleicht nicht schön, unsere Sportskleider, unsere Gesellschaftskleider, unsere Festtoiletten?
Zuversicht haben, hoffnungsvoller Mut. Hoffnungslosigkeit ist Niedergang und Tod. Das Neue kommt von selbst, ist da - da - da trotz «Untergang des Abendlandes», so sicher, wie Renaissance und Barock schon im Tempel von Baalbeck spukten, lange, lange vor Michelangelo. Lasst sie schaffen die ganz Neuen, bekämpft nicht ihren Glauben, wie auch sie sicherlich nie echte Klassiker wie Ludwig Hoffmann oder Hildebrand bekämpfen werden.
Wie hasse ich dagegen alle die Barbaren, die sich einbilden, sie seien weise, weil sie kein Herz mehr haben, alle die rohen Unholde, die tausendfältig die jugendliche Schönheit töten, zerstören mit ihrer kleinen unvernünftigen Mannszucht !> (Hölderlin.)
Zürich. Otto Zollinger, Architekt S. W. B.
Zeitschrift „Das Werk – Architektur und Kunst", 1923, Band 10, Heft 11
Das Möbel, 1923
Kleider machen Leute! Kleider können lügen, Möbel nicht. Die Möbel, welche ein Mensch zu seinen Lebensgefährten auserwählt, erzählen beredt von seinem Innenleben und deuten unfehlbar, wes Geistes Kind er ist. Jedes Möbel in der Wohnung, angefangen beim Küchenschrank bis hin zum Kleiderschrank des Dienstmädchens, erzählt eindringlich von der Gesinnung seiner Herrschaft. Wie schnell weiss man, ob das Möbel mit seinem Herrn eines Herzens ist, oder ob es trauernd in schönen Erinnerungen dahinlebt. Nicht von sozialen Dingen reden die Möbel, sie rechnen nicht, sie reden nur von der Seele und der Geistigkeit des Menschen. Die Schönheit des Möbels ist nicht durch den Stil bedingt: sondern durch den Charakter, wie auch der Adel von Seele und Geist nicht von der Standeseinordnung abhängig ist. Möbel schaffen Atmosphäre! Sie können von seelischem Druck befreien oder können die Festlichkeit eines Raumes trüben. Und zuletzt wohl interpretiert jedes Möbel auch seinen Schöpfer, wie die Licht trinkende Tulpe, die grazil gleit-fliegende Möve, das elegant setzende Reh, der goldschimmernde Fisch die ewige Göttlichkeit aller erschaffenden Phantasie dokumentieren.
Otto Zollinger.
Vorwort zum eigenen Bildband 1943
„Lebenskeime der Architektur“, 1943
Das Buch beinhaltet nur Fotos und Zeichnungen mit Jahreszahlen und Titeln
Die wichtigsten sind auf dieser Website abgebildet, geordnet nach den Kapiteln
Mutter!
An einem Sonntagnachmittag, Du lagst im Krankenhaus in der Stadt, liessest Du mich rufen. Du, die Schneiderin Anna, und ihr Bub wohnten auf dem Lande, in einem kleinen Bauerndorf *, an einem lieben kleinen See *. Du wolltest Dich verabschieden. Deine kalte Hand fasste die meine. Du sagtest: ,,Bub, bis anhin durfte ich dich führen, nun muss ich dich ganz, ganz alleine lassen; ich habe dir die Geheimnisse vom Rauschen der Wälder, die Schönheiten der Wiesen, das Singen des Schilfes erschlossen, ich zeigte dir die Blumen, die Käfer, die Schmetterlinge, behalte alles gut. Lerne fleissig - suche gläubig und erkenne mit wahrem Herzen.-
Während ich den langen Weg über den niederen Berg vom Frühlingsabend um-
fangen nach Hause wanderte, bist Du gestorben. Ich war nicht ganz zwölf Jahre
alt - so hattest Du mich in die Welt gestellt.
Diese Welt! Wie Du mich sehen und erkennen lerntest, so habe ich sie erlebt, so erlebe ich sie, bis ich sterbe. So wie Du gemahnt hast, habe ich gelernt und ge-schafft und meinen Beruf erfasst.


Diese Welt, in die ich hineinwuchs, war voller Drang nach Neuem. Im Sturm jagte eine technische Tat die andere - diese technischen Schöpfungen erfassten das laue Leben der Künste und trieben neue Säfte durch die sterilen Adern. Heutiges Bekennen jagte das morgige Erkennen - ich glaube, ähnlich jugendlich muss das Drängen zur Zeit der frühen Gotik, zur Zeit der Frührenaissance und jeder jungen Epoche gewesen sein, und ebenso wie damals wurde viel geirrt und tausendfach Gültiges geschaffen. Und darum ist es auch so wie Dombrowski vor drei Jahren in Neustadt in einem Vortrag sagte: ,,Nicht alles, was nicht verstanden wird, ist entartete Kunst, denn vieles Unverstandene ist auch aus wahrem Herzen entsprungen." Die Sammlung meiner Werke, gleichgültig ob gebaut oder nicht gebaut, ist zusammengestellt als Weg eines Autodidakten, quer durch eine Epoche voller Spannungen. Viele der Gedanken waren Erfüllung und Erreger zugleich,_ oft enthusiastisch begrüsst, manchmal kämpferisch umstritten. Es ist die Architektur vom Leben geformt, selber es formend und bejahend. Den Prozess der Kristallisierung, den Weg zur Vollendung, durfte ich nicht zu Ende laufen - die Macht neuer Anschauungen versagte die Aufgaben. Seither hat die Technik und die Mechanisierung ihren Wirkungsbereich ungeheuer erweitert. Die Nachkriegszeit und die weitere Zukunft wird nie dagewesene, gigantische Probleme zu bewältigen haben. Diese Probleme sind die Verdichtung eines neuen Zeitensehnens. Es wäre ebenso ein Irrtum anzunehmen die Architektur als Ausdruck dieses Zeitensehnens könne mit den Elementen der angehobenen Neo-Romantik oder mit Ober-Neo-Klassizismus gefügt werden, wie es auch ein Irrtum war, restlose Zweckerfüllung allein schon als Quell der Schönheit zu preisen. Die neue Architektur wird die sinngemässe Verkörperung sein eines aus neuen Lebensformen geborenen Schönheitsideals, von neuem Massgefühl, neuen Arbeitsmethoden und neuen Baumaterialien. Nicht durch x-beliebige Nutzanwendung oder durch 0berguss von Klassizismus als einer neuen Sentimentalität entsteht der Baustil unserer Zeit. Die Logik der Antike muss neu und fundamental begriffen werden - nicht das Dekor.
Ein Gestalten mit kühler Objektivität und intensiver ästhetischer Empfindung wie sie so vielen technischen Schöpfungen eigen ist und hauptsächlich die endgültige soziale Struktur einer neuen Weltordnung wird die Gesetze der neuen Baukunst reifen und festigen.
Saarbrücken, im Januar 1943
OTTO ZOLLINGER.
* Fällanden am Greifensee